Die Landschaft südlich von Köln, an den Ausläufern der Eifel, ist ein modernes Niemandsland: Eine Autobahn führt nach Süden, eine nach Westen. Im toten Winkel des Autobahnkreuzes ist die Landschaft maschinengerecht ausgeräumt; eine riesige Autobahnunterführung steht einfach da wie hingeworfen; es fehlen Zu- und Abfahrt, jegliche Auffahrt, kurz die Notwendigkeit für diesen Betonberg: Noch eine Autobahn, aber sie fehlt einfach, nur die Sendemasten für Handy-Funk sind schon da. Es gibt ein Barockschloss, einen Mittelaltermarkt in der alten Burg. Die Anwohner protestieren gegen eine Geflügelfabrik, die Bauernstadel sind riesige Wellblechhütten. Die Moderne mit seiner Hässlichkeit der Notwendigkeiten erdrückt das Land, das Schloss.

Und aus dem flachen Hügel ragt, wenn man sich zu Fuß nähert,
ein weiterer Block auf. Könnte aus der Ferne ein Kamin sein, noch eine Fabrik.
Es wirkt aber irgendwie als erwüchse er aus der Landschaft. Es ist grober
Beton, er hat die Farbe des roten Lehms, der auf den Feldwegen zu Tage kommt.
Es ist ein gerader, aber doch unregelmäßiger Bau. Ein Pentagramm. Ein Fünfeck,
die alte magische Formel, die Formel der Venus, der Drudenfuß, die heilige Zahl
der fünf Elemente Luft, Licht, Wasser, Erde und Wind. Der Turm ist einsam, und
doch ein Anziehungspunkt. Es ist eine moderne Kapelle.
Das Bauernehepaar Trudel und Hermann-Joseph Scheidtweiler hatte die Kühnheit, den bekannt Architekten Peter Zumthor zu bitten, eine Kapelle für die eigenen Felder zu entwerfen, denn schließlich, Bauernlogik und Bauernschläue, war der Star aus Graubünden doch oft im Land, weil er das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, das Kolumba, dabei ist zu bauen. Da muss doch eine Kapelle mit drin sein? Nur eine Kleine? Eine Feldkapelle der Volksfrömmigkeit, wie man sie früher oft gebaut hat und die jetzt der Flurbereinigung im Wege stehen, den Marsch der Maschinen über das Feld stören. Zumthor zögert, willigt ein, weil die Kapelle dem spätmittelalterlichen Mystiker Bruder Klaus geweiht werden soll, ein Heiliger, dem sich auch seine Mutter anvertraute.
Und so entsteht das kleine, gewaltige Monument auf der Flur.
Ragt in den Himmel, die Bauern aus der Umgebung haben es aus Stampfbeton in 24,
rissigen, sichtbaren Tagwerken aufgebaut. Aus dem Sand der Umgebung, und so
fügt es sich lehmig ein, als würde die Natur neuerdings auch gerade Mauern
wachsen lassen, mit 24 Tages- statt
Jahresringen. Die stählerne Tür, ein Dreieck unter einem schlichten Kreuz
schwingt auf. Ein dunkler Gang führt um die Kurve, dann öffnet sich ein für das
kleine Gebäude riesig wirkender Raum. Oben verjüngt er sich, öffnet sich der
Luft, dem Regen, dem Wind, dem Atem Gottes.

Der Raum wirkt wie ein Zelt. Er ist aus aneinandergelegten Baumstämmen entstanden, als Kind haben wir solche Zelte gebaut. Der Meister hat sie außen mit Beton umhüllen lassen und dann ein Feuer im Inneren entfacht, das ewige Symbol der Reinigung und Transformation. Es hat die Bäume verbrannt. Und doch sind sie erhalten geblieben, sie haben dem Raum seine Form gegeben und jedes Rindenstück, jeder Ast, jede Rundung ist länger in den Beton eingegraben als je ein Baum lebt.
Ein Rauchgeruch liegt noch in der Luft, von oben fallen Tropfen des Regenwassers, sammeln sich in eine Pfütze auf dem Boden, der aus Blei gegossen ist, und der die Himmelöffnung widerspiegelt. Licht fällt herein, einfache Glaskugeln sind in den Wänden eingelassen hinter den Rohren aus der Maschinerie einer ehemaligen Brauerei; durch sie blinkt die Sonne des Tages und die Wolken sind die Lichtorgel der Mystik. Es ist ein Raum, der ein Gebet ist und jeden Eintretenden, wenn er nicht ein Herz aus Stein hat, in ein Gespräch, in eine Meditation verwickelt. Aus der Erde ist der Bau gewachsen, das Licht der Sonne vervielfacht sich in den Glasöffnung. Maria, breit`Deinen Mantel aus, haben wir früher gesungen, und hier umhüllt Maria die Menschen in einem dunklen, warmen Mantel, der bestickt ist mit den Sternen des Firmaments. Regen weht herein, das Licht der wenigen Kerzen in ihrem Sandbett flackert im Wind. Der Herr ist nah. So nah.
Wer? Er ist ein
Architekt von Weltrang, Peter Zumthor, 68, arbeitet in Graubünden in der Schweiz.
Er hat Schreiner gelernt, und dabei den sorgfältigen Umgang mit Holz, mit
eigenen Händen. Das spürt man an seinen Bauten, die er alle nicht nur plant,
sondern auch baut: Dem Kolumba in Köln, dem Schweizer Pavillon auf der Expo in
Hannover, der Therme in Vals.
Wo: Bruder Klaus-Kapelle, Mechernich, Ortsteil Wachendorf, 80 km südlich von Düsseldorf, 50 von Köln BAB 1 in Fahrtrichtung Trier. Abfahrt Bad Münstereifel/Mechernich, Ortsteil Wachendorf. Schilder zeigen den Parkplatz.
Bildergalerie von Roland Tichy:

