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Zwischen Heimweh und Fernsucht

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Für Berufstätige gehört es mittlerweile zur Normalität, der Arbeit hinterherzuziehen, neue Lebens- und Wohnstile zu finden. Doch vielen brennt die Frage auf der Seele: Wie kann die Fremde zur Heimat werden? Und wie soll meine neue Wohnsituation aussehen? Autorin Claudia Servaty beschäftigt sich schon länger mit dieser Frage. Für ein Buchprojekt „Liebenswert-Wohnen in Frankfurt Rhein-Main“ hat sie Antworten in der Rhein-Main-Region gefunden.

 


Neue Heimat entstehen lassen

Claudia ServatyClaudia Servaty ist selbst oft umgezogen und hat in ihrem Leben schon viele nach ihrem Verständnis von Heimat befragt. Für ihr Liebenswert-Buch interviewte sie 25 Menschen aus der Rhein-Main-Region. Quell Redakteurin Antonia Bäzol hat mit Servaty über ihre Erfahrungen gesprochen.

 

1 Quell: Wie definieren die Menschen Heimat?
Heimat lässt sich vor allem als ein positives Gefühl beschreiben. Es kann mit Orten und Personen verknüpft sein, mit Erinnerungen, besonderen Düften, Farben oder Geschmäckern. Für manche Menschen sind es einprägsame Kindheitserfahrungen, wie der plätschernde Bach hinter dem Elternhaus, an dem sie mit Freunden gerne spielten. Für andere ist Heimat nichts Rückwärtsgewandtes, sondern etwas ganz Aktuelles. Heimat ist für sie da, wo sie jetzt leben, wo ihre Freunde oder Familie sind oder wo das Herz beim Anblick einer vertrauten Landschaft oder Stadtsilhouette vor Freude hüpft. Heimat ist ein Gefühl, dass ich überall entwickeln kann. Manche Menschen, die viel reisen, tragen Heimat in sich selbst, auch das ist möglich, und ich finde diese Vorstellung sehr befreiend.

 

2.Quell: Was muss ich tun, um eine Stadt zur Heimat werden zu lassen?

Für das Buch haben wir Rhein-Main als Forschungszone gewählt, aber es hätte auch jede andere Region in Deutschland sein können. Das Gefühl von Geborgenheit und sich heimisch fühlen, hängt von der gebotenen Lebensqualität ab. Die beiden wichtigsten Faktoren sind passende Arbeitsmöglichkeiten und qualitativ guter Wohnraum. Aber auch attraktive Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten, die Infrastruktur, eine  ausreichende Gesundheitsversorgung sowie Schulen und Kindergärten spielen eine große Rolle. Eben alles was es zu einem gut funktionierenden Leben braucht. Im Bereich der Beschäftigungsoptionen schneidet Rhein-Main im Vergleich zu anderen deutschen Regionen sehr gut ab. Beim Thema Wohnraum gibt es dagegen große Defizite. Dass sich viele Menschen hier trotzdem heimisch fühlen, spricht für die Qualität der übrigen Faktoren.

 

3 Quell: Wieso haben Sie gerade die Rhein-Main-Region als Forschungsobjekt ausgesucht?
Rhein-Main ist ein Schmelztiegel für sehr viele Kulturen und hier sind Menschen mit biografischen Umbrüchen überdurchschnittlich oft anzutreffen. Deshalb lohnte es sich gerade hier dem Thema Heimat nachzuforschen und die Antworten in einem Buch zu vereinen, um allen Suchenden Anregungen für einen Heimatbegriff zu vermitteln.

 


Liebenswert_Wohngemeinschaft

„Liebenswert“ behandelt noch eine andere wichtige Facette: die unterschiedlichen Lebensstile. Servaty und ihre Co-Autorin Holtkamp fanden auf ihrer Buchrecherche beispielsweise ein langjährig verheiratetes Studentenpaar, das mit mehreren Freunden ein leerstehendes, 4-stöckiges Hinterhaus mit Gemeinschaftsraum bezogen hat. Nach vielen weiteren Besuchen in außergewöhnlichen Wohnungen fasste Servaty das Fazit: das typische Lebenskonzept „Kleinfamilie“ reicht heutzutage für Menschen nicht mehr aus.


4 Quell: Was halten Sie davon, dass es derzeit immer mehr Single-Haushalte gibt?


LiebenswertWir Menschen sind soziale Wesen und brauchen Gemeinschaft. Für diejenigen, die diese Lebensform frei gewählt haben ist das völlig in Ordnung. Doch in den Interviews stellte sich heraus, dass einige Menschen unfreiwillig alleine leben. Die Institution „Kleinfamilie“, als bisherige Hauptform des Zusammenlebens funktioniert in Deutschland derzeit nur bei der Hälfte aller Familien dauerhaft. Was ist mit den Patchwork-Paaren, getrennten Singles, und Alleinerziehenden? Hier sind sozial wie auch bautechnisch neue Konzepte gefragt. Zum Beispiel die der Wohngemeinschaft (WG), auch über das Studentenalter hinaus. Es gibt diese Wohnformen bereits, auch in Rhein-Main, doch sind sie nicht so leicht zu finden und häufig privat initiiert. Auch das Zusammenleben von mehreren Generation (Bsp.: Mehrgenerationenhaus) oder Älteren-WGs wurde bei den Interviews mehrfach gewünscht und wird auch in den Medien immer wieder thematisiert.

 

5. Quell: Woran scheitert das gemeinschaftliche Wohnen?

Ältere Menschen mangelt es oft an ausreichend Kontakten oder sie haben Berührungsängste, um auf die Suche nach geeigneten Wohnpartnern zu gehen. Zusätzlich begünstigt der Trend zur Verstädterung, dass Singlehaushalte zunehmen. Dörfer und Kleinstädte bieten häufig viel bessere Möglichkeiten für ein intaktes Gemeinschaftsleben. Leider fehlen dort die Arbeitsplätze und die Infrastruktur. Ein Dilemma, das aufgrund der zentralistisch-orientierten kommunalen Politik der letzten Jahrzehnte geschaffen wurde. Da wurde aus Verwaltungsgründen an menschlichen Lebensbedürfnissen vorbeigeplant. Natürlich gewachsene sinnvolle Strukturen, häufig auch schöner Wohnraum, liegen dort brach und in den Städten herrscht Wohnungsmangel.

 

Liebenswert


6 Quell: Was haben Sie für neue Lebenskonzepte auf Ihrer Recherchereise entdeckt?
Zum Glück gibt es bereits einige sehr gute Lebenskonzepte die auf Gemeinschaft setzen und der ungewollten Versingelung entgegenwirken. Ein Projekt das ich schon kannte, und unbedingt im Buch dabei haben wollte, war der Dottenfelder Hof als Beispiel für eine nachhaltig wirtschaftende Gemeinschafts-Lebensform. Rund 100 Personen leben und arbeiten nach anthroposophisch orientierten Regeln auf einem Demeter-Bauernhof. Hier wird generationsübergreifend im Einklang mit der Natur gelebt. Der Hof ist deutschlandweit ein Vorzeigebeispiel. Aber nicht nur auf dem Land, auch in der Stadt sind außergewöhnliche Lebensformen möglich. Mitten in Frankfurt fanden wir ein, wie ich finde, sehr berührendes und mutiges Wohnkonzept. Die Filmemacherin Michaele Scherenberg wohnte ursprünglich ganz klassisch mit ihrer Familie. Dann starb Ihr Mann sehr früh. Nach der Trauerarbeit beschloss sie im Haus zu bleiben, doch die Räume „zu öffnen“. Sie vermietete an zwei Mitbewohnerinnen und entwickelte ein Veranstaltungskonzept. Mittlerweile kommen regelmäßig viele Gäste zu ihren wunderbaren Märchenabenden und künstlerischen Treffen. Sie selbst bewohnt nur noch einen Raum plus Küche in ihrem eigenen Haus. Das zeigt, der Kreativität sind bei Lebensmodellen kaum Grenzen gesetzt. Vieles ist möglich und auch machbar!

 

7 Quell: Woher kommt die Sehnsucht nach neuen Lebenskonzepten?
LiebenswertDas liegt sicher daran, dass sich unser Leben selbst so stark ändert. Biografische Umbrüche sind Normalität geworden. Kaum etwas ist „lebenslang“, wie noch bei unserer Eltern- oder Großelterngeneration. Partnerschaften ändern sich häufiger und auch der berufliche Werdegang. Das fordert natürlich auch neue, weniger statische Lebens- und Wohnformen. Gefragt sind daher Modelle, die genau diese Flexibilität unterstützen und sie nicht bremsen. Maklergebühren, Kautionszahlungen, Nachmietersuche, Küchenablöse und –kauf - das sind alles Relikte, die aus der Vorstellung entstanden sind, man zieht nur selten mit seiner eigenen Familie um. Andere Lebensformen werden dadurch erschwert. Deswegen sind weitere, selbst initiierte Modelle so wünschenswert! So dass jeder je nach Lebensphase frei und unkompliziert für sich das Richtige wählen kann.  

 

                        

Liebenswert_Buch

Claudia Servaty und Nicola Holtkamp

Liebenswert - Wohnen in FrankfurtRheinMain Lebenskonzepte einer Metropolregion

ISBN: 978-3-938783-78-8

EUR 29,90






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